Dienstag 08.09.09
No.8:
JESSICA BUHLMANN (Malerei, Zeichnung)

Jessica Buhlmann,“83 chambers”, Acryl auf Wand, 2009
Zwei Fragen zur Malerei, eine Polemik der Klischees, einige sehr persönliche Thesen und die Vorstellung einer Künstlerin:
Was ist “reine” Malerei?
In der “reinen” Malerei ist die ausschließliche Auseinandersetzung mit den Grundelementen Farbe, Form und Material, Thema und Inhalt des Bildes. Die Folge muss eine eigenständige Formensprache des Bildes im Vergleich zur Realität sein. Die Formen sind also abstrakt. Denn nur wenn sich die Formen der Abbildung eines “externen”, genau zu spezifizierenden Gegenstandes entziehen, sind sie eben “nur” diese Farbflächen, mit aller ihrer Berechtigung auf Existenz und verweisen nicht auf Inhalte außerhalb der Malerei. Dieses selbstreflexive System bedeutet allerdings in keinem Falle Wirklichkeitsferne. Vielmehr ist es durch die Grundgesetze des Visuellen tief in der Wirklichkeit verortet, es etabliert seine eigene Welt in der gemeinsamen Realität. Gerade die elementare Formensprache lässt eine Vielzahl von Assoziationen und persönlichen Präferenzen zu und führt zu einer Erweiterung der Bedeutung des Bildes.
Es stellt sich die Frage, wer die selbstreflexive Formensprache eines “reinen” Bildes definiert, schließlich kann sich ein Bild ja nicht selber malen. Hier wird die Rolle des Künstlers wichtig, er legt die Gestaltungsprinzipien fest, nach welcher Art auch immer. Der objektive Anspruch muss hier subjektiv gelenkt seinen Weg zur Verwirklichung finden.
Die fruchtbare Grundkonstellation hat “reine” Malerei in unzähligen Spielarten der Moderne und Postmoderne etabliert. (Konstruktivismus, Suprematismus, abstrakter Expressionismus, konkrete Malerei, hardedged-painting…) “Rein” soll in diesem Falle nicht elitär- wertend verstanden werden, also in keiner Weise als Standard für die Qualität eines Bildes. Es steht vielmehr für die Art und das Zusammenspiel der bildnerischen Elemente.
Was ist “gute” Malerei?
“Gute” Malerei zeichnet sich durch zweierlei aus:
Erstens ergeben alle Elemente des Bildes ein konsequentes Zusammenspiel, welches sich der Betrachter erschließen kann. Eine Ausführung an dieser Stelle wäre zu komplex, denn das Zusammenspiel basiert auf vielen Faktoren. Ich hoffe, der geneigte Leser hat schon einmal vor so einem Bild gestanden und weiß, wovon die Rede ist.
Zweitens haben sich bis heute gültige Werke immer einen neuen Standort auf dem “Feld Malerei” erschaffen. Es wurde eine weitere Form von Malerei in das kulturelle Gedächtnis einge eingeführt und damit das Feld erweitert. Den gleichen Anspruch muss auch aktuelle Kunst erfüllen. Sie muss etwas Neues, Anderes bringen, überraschen, eigenständig sein. Kurz: sie muss sich durch Frische auszeichnen. Für einige der Zwang der Moderne, für viele Gütesiegel einer Arbeit. Natürlich hängt die “Frische” von dem “Seherfahrungsschatz” des Betrachters ab, ist also subjektiv. Ich wage die Behauptung, dass es schwieriger ist, einen langjährigen Kunst- Rezipient. durch eine Arbeit in überraschte Begeisterungsstürme zu versetzen, als jemand visuell “unbenetzten” zutiefst zu beeindrucken, welcher die ersten, unvergesslichen Erfahrungen in Sachen Kunst macht.
Jessica Buhlmanns neuere Arbeiten stehen für das vorher Gesagte. Die Künstlerin konstruiert im offenen Prozess ein Spannungsfeld aus in einander greifenden, geschichteten Farbflächen. Obwohl entfernte Anklänge an Landschaft oder Architektur spürbar sind, konstituiert ihrer Malerei eine autonome Welt, welche viele Fragen aus sich heraus beantwortet und einfach zum Sehen einlädt. Im APPARTEMENT hat die Künstlerin diesmal einen eher ungewöhnlichen Untergrund gewählt, der die Möglichkeiten eines neuen Betrachtens ihrer Malerei einfordert und unsere Vorfreude auf die No.8 der “Takenforstrangers”-Serie noch vergrößert.

Jessica Buhlmann,“83 chambers”, Acryl auf Wand, 2009

Jessica Buhlmann,“83 chambers”, Acryl auf Wand, 2009

Jessica Buhlmann,“83 chambers”, Acryl auf Wand, 2009
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